Der Wassermann auf Kreuzenstein
Im Brunnen der Burg Kreuzenstein lebte einst ein Wassermann, der so häßlich war, dass die Menschen, die ihn einmal gesehen hatten, den abscheulichen Anblick nicht vergessen konnten. Sein plumper Leib war mit Schilf und Binsen bedeckt, vom Kopfe hingen lange Strähnen von filzigem Moos, und im breiten Froschmaul saßen übermäßig lange Zähne. Die Hände des Wassermannes waren sehr groß. Kamen Leute zum Brunnen, tauchte er schnell auf, bespritzte sie mit Wasser und versank patschend und brüllend in den Abgrund. Mit schönen Muscheln und bunten Steinen lockte er gerne die Kinder an, die er dann in die Tiefe zog und dort festhielt. Als einst ein junges Mädchen Wasser holen wollte, fand es zu seinem Erstaunen den Brunnen bis zum Rande gefüllt. "Ist das fein," dachte es, "da brauche ich mich heute nicht zu plagen", tauchte den Kübel ein und zog ihn gefüllt heraus. "So sollte es immer sein, dann brauchte mein Mütterchen auf das Wasser nicht lange zu warten", Wünschte das Mädchen und warf noch einmal einen Blick über die spiegelglatte Fläche. "Was ist das?" Drüben schwamm, von einem vorspringenden Mauerziegel festgehalten, ein entzückendes Seidenband, so helleuchtend, dass es dem jungen Ding gar sehr in die Augen stach. Es lief schnell hinüber und wollte sich den Schatz aneignen. Vorsichtig stülpte das Mädchen den Armel des rechten Armes auf und haschte nach dem bereits sinkenden Bande. Im selben Augenblick fühlte die Kleine ihre Hand mit einem eisernen Griff umspannt. Mit einem heftigen Ruck wurde das Kind in die Tiefe gerissen, wo es im Hause des Wassermannes erwachte. Dem Schlauen war die List gelungen. "In Gottes Namen gib mich frei!" flehte die Unglückliche. "Bring mich meiner Mutter wieder!" Wer den Namen Gottes aussprach, den durfte der Wassermann nicht töten. Er verurteilte daher das Mädchen, ein Jahr lang als Nixe im Brunnen zu leben. Weil die Kleine in der Hauswirtschaft von der Mutter manches gelernt hatte, musste sie die Wohnung des Wassermannes in Ordnung halten. Eines Tages kam sie in ein Zimmer, das sie bisher noch nicht betreten hatte. Sie entdeckte hier zahlreiche Töpfe, die in langen Reihen auf dem Fußboden standen. "Seltsam! Was er nur da drinnen haben
mag?" dachte die Nixe. Da hörte sie plötzlich ein zartes Stimmlein sprechen: "Mein liebes Kind! Die Töpfe, die du hier siehst, sind die Gefängnisse armer Menschenseelen. Uns Unglückliche hat der grausame Wassermann wie dich in die Tiefe gezogen, hat unseren Leib getötet und unsere Seelen in die Töpfe gesperrt. Seit Jahr und Tag hält uns der Unmenschliche gefangen und quält uns aufs grausamste. Wenn uns einst die Stunde der Befreiung schlägt, dann kann es nur durch ein schuldloses Kind sein, das durch seine Frömmigkeit die Zauberkraft des Wassergeistes bricht." Seit jener Unterredung war mancher Tag verstrichen. Pünktlich und genau versah das Mädchen seinen Dienst. Eines Tages sagte der Wassermann lächelnd: "Wenn dein Jahr um ist, kannst du dir den Kehricht als Lohn mitnehmen." Folgsam trug die Kleine tagtäglich alle Abfalle in eine bestimmte Zimmerecke. Nachdem nun das Jahr um war, hörte die Gewalt des Wassermannes über das Mädchen auf. Er befahl dem Kinde, seinen Lohn zupacken. Nach dieser Arbeit sprach er: "Du hast mir treu gedient. Ich muss dich jetzt ziehen lassen.
Hättest du mir nicht in allem gehorcht, wärest du ewig in meinem Hause geblieben. Sobald heute die Glocken zu Mittag läuten, wirst du im Brunnen emporschweben. Ich aber werde nicht anwesend sein, wenn du mein Heim verläßt." Nachdem er das gesprochen hatte, war er verschwunden. Als 'die Mittagsglocken erklangen, dachte das Mädchen: "Ich will auch die gefangenen Seelen retten. Gott wird mir helfen". Flink stieß es von allen Töpfen die Deckel weg, und freudig entflohen die Seelen. Dann nahm es das Bündel und schwebte so leicht und rasch aufwärts, dass es sich gar nicht genug wundem konnte, als es mit einem Male im sonnenbeschienenen Burghof stand. überglücklich wollte es nach der Wohnung seiner Mutter eilen.
Doch so rasch ging das nicht. Das Bündel, das es in seiner rechten Hand trug, war schwer wie Eisen geworden und hinderte die Kleine am Vorwärts kommen. Neugierig löste sie den Knoten des Tuches. Wie staunte das Mädchen, als es an Stelle des Kehrichts Gold, lauteres, schweres Gold in Händen hielt. Fast ohne Atem und völlig unbemerkt betrat es das Erkerstübchen seiner Mutter. "Mutter!" Ganz bestürzt sah die Mutter von der Arbeit auf, zweifelte ein Weilchen, rief aber dann mit fester Stimme: "Mein Kind!" Innig umarmten sich beide, die so lange voneinander getrennt waren, und unbe schreiblich groß war die Wiedersehensfreude.